Der Amoklauf in Winnenden beschäftigt mich und meine Umgebung sehr. In den letzten Tagen habe ich mehrmals mit Kollegen und Freunden über die Gründe und das Geschehen in der Sache diskutiert.
Erst einmal ist die ganze Sache sehr traurig, und ich finde es schlimm dass so etwas überhaupt passiert ist.
Allerdings bin ich wieder verwundert, dass so wenig nach der wirklichen Ursache des neuzeitlichen Phänomens "Amoklauf" gesucht wird und wieder pauschalisiert über die Sache hinweggeritten wird. Gewaltverherrlichende Medien, Waffengesetz und Internet sind wieder die Schlagworte die aus dem Hut gezaubert werden. Aber wer ist Schuld wenn alle diese Sachen reguliert sind, und trotzdem ein amoklaufender Jugendlicher durch die Stadt tobt?
Ich finde, dass die Medien wieder einmal ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, und lieber im Sumpf des Täters und der Opfer wühlen um die Auflage zu steigern als respektvoll mit der Tat umzugehen. Schön nah am Geschehen dabei sein, Videos vom Tathergang und Computerretuschen vom Täter wie er wohl mit der Knarre in der Hand ausgesehen hat! *bäh* Das verhilft den Tätern definitiv zu einem Kultstatus und spornt durch die Aufmerksamkeit viele zur Nachahmung an. Es geht nicht um das Verschweigen der Tat, aber um einen vernünftigen Umgang damit!
Eigentlich zeigen solche Taten auf die Webfehler der Gesellschaft und werden auch so lange weiter vorkommen, bis sich diese ändern. Und durch Selektion und Unterdrückung der äußeren Gegebenheiten wird dieses Phänomen nicht verschwinden. Ich bezweifele das ein verschärftes Ballerspielverbot, Waffengesetz, oder die Waffenkontrolle an der Schule die Tat von Tim K. gestoppt hätte.
Der Frage nach den wirklichen Gründen für eine solche Taten nimmt sich nicht wirklich jemand an. Ich befürchte die meisten Menschen haben selber Angst Veranlagungen für solches Handeln bei sich zu erkennen oder das gesellschaftliche Strukturen aufgedeckt werden könnten die jeden von uns zum Mittäter machen könnten.
Welche Strukturen unterstützen denn nun eine solch eine Tat? Ich denke das durchaus die Wertvorstellungen ein Teilaspekt sind, und das man sich diese einmal vor Augen führen sollte:
Du musst gut Aussehen, intelligent sein, erfolgreich sein, freundlich sein, zuvorkommend sein, zielstrebig sein, witzig sein, charmant sein, schnell sein, jung sein, berühmt sein, stark sein, kommunikativ sein, talentiert sein, unfehlbar sein, moralisch korrekt handeln, reich sein, sozial kompetent sein etc. um in der heutigen Gesellschaft akzeptiert zu werden. Ich habe bestimmt noch vieles vergessen, aber die Abweichung oder die Umkehrung von einem oder mehreren Attribute kann zur Ausgrenzung aus einer Gruppe führen.
Somit übt die Gesellschaft unbewusst durch die Abstrafung von nicht vorhandenen gesellschaftlich definierten Eigenschaften selber Aggression gegen ein andersartiges Individuum aus. Und wie schnell man einer dieser Erwartungen nicht gerecht werden kann dürften wir alle schon selber mal zu spüren bekommen haben.
Wie soll ein junger Mensch der "dazu" gehören will, das Standing haben auch anders zu sein und zu sich zu stehen so wie er ist? Ich denke da gehört eine gute Portion Selbstbewusstsein und auf der anderen Seite viel Toleranz dazu. Das kann eigentlich erst einmal nur über die Erziehung vermittelt werden.
Für mich ist die Frage nach der Richtung der Gewalt wichtig. Ich denke solche Menschen tragen erst einmal die Konfrontationen mit sich selber aus. Bei vielen Gefährdeten dürfte sich das auch in selbstzerstörerischen Handlungen ausdrücken. Die Ambivalenz zwischen Erwartung und Realität wird dann vielleicht mit Süchten, Ersatzhandlungen und Flucht kompensiert. Es werden Tätigkeiten bevorzugt "in denen man wer ist" und vielleicht findet man auch dort auch eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Hier ist für mich das Computerspielen und das Internet angesiedelt. Ist aber meiner Meinung nach nicht die Ursache sondern ein Versuch über ein anonymes Medium kontakt mit anderen zu pflegen und für sich eine Nische zu suchen. Nach aussen in das direkt soziale Umfeld bleibt das Bild des "Strangers" aber weiterhin bestehen.
Das introvertierte Verhalten kann dann aber auch kippen und man baut weiter Wut gegenüber den "Peinigern" auf. Man wird von seiner Umwelt nicht gesehen und wahrgenommen und vielleicht findet man auch kein Ventil. Erst gibt es Gedanken und manchmal folgt dann leider auch die Tat. Die muss ja nicht zwangsläufig in einem Amoklauf enden, "Gewalt an Schulen", "unter Jugendlichen" oder "im Stadion" sind ja z.B. auch Themen die immer wieder Diskutiert werden.
Was hilft ein "Gewaltbeauftragter" an der Schule wenn die Kinder nicht Kommunizieren können / wollen. Gesellschaftlich wir ja auch schon früh "Selbstständigkeit" und "Stärke" erwartet. Vor allem bei Jungen dürfte das "petzen" zu noch mehr Abgrenzung durch die Gruppe führen. Weiterhin kann ein Beauftragter nicht alle Schüler im Blick haben und müsst dazu vorher die nötige Sensibilität aufbringen solch eine Person von sich aus zu erkennen, und die Situation im Vorfeld zu deeskalieren.
Wenn die Eltern ähnliche agieren und mit Sprüchen wie "Kind du musst...", "Du sollst...", "komm mir blos nicht...", "So lange Du..., sonst..." in der Erziehung unbewusst Ihre Erwartungen (und somit den Druck) und Ängste auf die Kinder übertragen, wieso sollte ein junger Mensch dort mit seinen Problemen vorstellig werden?
Wenn man nur noch ein Abbild der Erwartungen der Anderen ist, wo ist man dann selber und wie geht man mit der Nichterfüllung um?
Menschen unterscheiden sich von einander. Ein genereller Lösungsansatz kann nicht funktionieren, da Maßnahmen für den Einen nicht für einen Anderen funktionieren müssen. Aber ein Anfang wären Selbstbewusstsein und Toleranz im Umgang miteinander zu üben und zu lehren und das Verständnis für den Anderen (Menschen) zu kultivieren.